Schwerpunkte

ERINNERN >< VERGESSEN

Als eines der wesentlichen Merkmale der Fotografie wurde von Anfang an immer ihr
dokumentarischer Charakter genannt, ihre Erinnerungsfunktion. Ich fotografiere um mich zu erinnern. Ereignisse, die es wert scheinen, ins individuelle oder kollektive Gedächtnis einzugehen, werden durch die Apparatur aus dem Zeitfluss gelöst und solcherart konserviert. Nicht von ungefähr taucht „Bilder gegen das Vergessen“ als Titel von Ausstellungen oder Rezensionen häufig auf. Natürlich wird diese Funktion seit langem theoretisch in Frage gestellt und relativiert, nicht erst seit Walter Benjamin.
Durch Gebrauch und Kontextualisierung der Fotografie in ihr jeweiliges mediales Umfeld scheint sich das Phänomen umzukehren. Ich fotografiere um zu vergessen. Oder war es nicht schon immer so, dass die primäre Erfahrung einer sogenannten Wirklichkeit durch das Dazwischenschalten einer objektiven Apparatur (eines Objektivs) sich entzieht hin zu einer distanzierten Betrachtung derselben?
Bei den diesjährigen Fotowochen werden zwei künstlerische Workshops ausgerichtet, wobei einer zur Gänze dem Phänomen des Erinnerns gewidmet sein soll. Der zweite, ihm folgende jedoch wird sich um das Vergessen drehen. Obwohl die beiden Workshops unabhängig voneinander stattfinden (und auch von unterschiedliche WorkshopleiterInnen geführt werden) werden sie sich dennoch aufeinander beziehen. Vielleicht werden die Erinnerungen des ersten dem Vergessen des zweiten anheimfallen.
Vielleicht wird ein Feld kreiert, in dem Erinnern und Vergessen die selben unabdingbaren Rollen in einem Prozess der Produktion von Wissen einnehmen. In dem sich zeigt, das ein Erinnerung ohne Vergessen nicht möglich ist. Und jedes Vergessen ein sich Erinnern voraussetzt.